Dienstag, 18. Juli 2017

Gastbeitrag von Hedi: Reiten in der Wüste



Kevin Costner in „Der mit dem Wolf tanzt“…was war ich beeindruckt (und bin es immer noch) als er mit ausgestreckten Armen auf seinem Pferd über eine Wiese ritt…..das wäre so toll, das zu können…..

Dieses Jahr habe ich mich mit über 50 auch auf ein Pferd getraut. Aber eigentlich unfreiwillig. Und leider habe ich es auch bei weitem nicht zu dieser Performance gebracht. Im Gegenteil. Ich war froh, dass ich den 2 ½ stündigen Ausritt irgendwie überlebt habe. 

Nachdem mein Freund und ich jahrelang alleine im Urlaub waren, ist dieses Jahr meine Tochter mitgekommen. Außerdem ein befreundetes Ehepaar. Während unserer ersten 11 Tage alleine, haben wir natürlich überlegt, was wir unseren „Gästen“ so bieten können. Und da am Strand immer entweder Oscar, das Dromedar oder ein hübsch aussehendes Pferdchen seine Runden drehten, kam mir die Idee für mein Kind einen Ausritt zu organisieren. Und da meine Freundin immer erzählt hatte, das ihr Opa Pferde gezüchtet und sie Pferde zugeritten hat, war klar, dass die beiden in den Genuss kommen sollten. Ich sah mich eigentlich in der Zeit müßig am Strand liegen. 

Leider sahen die beiden Damen das anders. Meine Tochter war sich im Vorfeld nicht sicher, ob ihr die Tierhaltung gefallen würde, meine Freundin war auf einmal vor Ewigkeiten das letzte mal geritten und außerdem würden sie nicht alleine mit Abdo, dem Reitstallbesitzer ausreiten wollen…blabla. Ich sollte mit. Ich. Vor ca. 30 Jahren saß ich mal kurz auf dem Pferd meines damaligen Freundes. Nicht lange und nicht sehr erfolgreich. Aber gut. Wahrscheinlich war mir die Sonne schon zu sehr aufs Gehirn geschienen. In einem Anfall von Größenwahn buchte ich den Ausritt für 3. Nachmittags ging es dann los. Treffpunkt, mit dem zerbeulten Auto von Abdo zu seinem eigentlichen Stall, Fohlen bewundert (süß!!), die bereits gesattelten Pferde beäugt……und innerlich gebetet, dass eines dieser Pferdchen das Temperament einer Schlaftablette hat. 

Einzige Anweisung vor diesem Ausritt von Abdo an uns war: lange Hosen anziehen und feste Schuhe. Meine Tochter hatte wenigstens Turnschuhe dabei und Leggings. Meine Freundin und ich sind mit Badeschuhen und meiner einer mit einer Art Haremshose aus sehr seidigem Stoff zum Reiten erschienen…..was „ordentliches“ hab ich einfach im Urlaub nicht dabei. Nach kurzer Zeit hatte auch jeder „sein“ Pferd, ich bekam Farida, die stoisch dastand. Während ich überlegte, wie ich auf das Pferd kommen sollte. Da stand nämlich weder ein Schemel, noch ein Tritt, noch irgendwas. 

Im Film sieht das ja immer total lässig aus, wie sich Menschen auf ihr Pferd schwingen. Mir war schon vorher klar, das mein Körpergewicht gar nicht so leicht nach oben zu bewegen ist und so war es auch. Dank der Hilfe eines Stallburschen, saß ich dann doch irgendwie oben. Und träumte nahezu sofort davon einfach hier vor dem Stall stehen bleiben zu dürfen. Obwohl die Araber ja nicht so groß sind (meine jetzt die Pferde obwohl es für die Menschen auch oft zutrifft…), kam es mir verdammt hoch vor. 

Und dann bewegte es sich auch noch…und ich rutsche sofort aus den Steigbügeln und meine Hose, weil sie ja aus so herrlich fließendem Stoff ist, rutscht ebenfalls hin und her…samt ihrem Inhalt…also mir….Ich konnte allerdings jetzt kaum sagen, Stopp, blasen wir das ganze ab. Ich musste da durch. Außer uns war noch der neue arabische Freund meiner Tochter mitgekommen und ein weiterer Urlaubsgast, ein Mädchen aus Bayern, das natürlich zu Hause ein eigenes Pferd hatte. 

Ich war weit und breit der einzige Drops, der überhaupt keine Ahnung hat. Was jeder Pferdefreund daran merken konnte, dass ich zuerst über den fehlenden „Knauf“ am Sattel schimpfte. Ich hätte mich gerne daran festgekrallt aber das gibt es ja nur beim Westernreiten……Wie man die sogenannten „Zügel“ halten sollte, konnte mir auch niemand eindeutig erklären. Der Eine empfahl mir, die Zügel beide in eine Hand zu nehmen und mich mit der anderen Hand in den Sattel zu krallen…naja, so genau hat das natürlich niemand gesagt…der Andere sagte ich müsse die Zügel jeweils links und rechts über die Hand legen…Schlaufe machen…Häh? 

Wie ich so mit meinen Händen beschäftigt bin, verliere ich völlig die Körperspannung, was sich sofort rächt. Alle anderen sind los..und auch Farida setzt sich in Bewegung, was mich sofort in Panik versetzt, weil ich so unelegant auf ihr sitze. Mein Gott, warum hat mir keiner gesagt, dass Schritt auch schon ganz schön schnell ist? Und das wir, bis wir zur Wüste kommen ewig an der Hauptstrasse (!!!) entlangreiten und wie hoch die Bürgersteige sind, die wir auch manchmal benutzen, hab ich kurzfristig auch vergessen. 

Zwischendrin legen die anderen einen Galopp ein, die Sonne brennt und der Weg ist noch weit. Farida, die wirklich die Ruhe selbst ist, hat irgendwann die Schnauze voll und galoppiert auch los.. Ich schreie aber trotz meiner Panik fällt es mir gottlob trotzdem ein, die Zügel anzuziehen und siehe da, sie hält sofort an. Auf dem weiteren Weg versucht der 2. Reitguide mir das galoppieren beizubringen. Ich bemühe mich aber ich sehe den Asphalt unter mir und stelle mir quasi unentwegt vor, wie ich auf den harten Boden knalle….ein Albtraum…

Irgendwann ist endlich das unbebaute große Stück Land in Sicht ….Wüste….hier fällt der Weg ein wenig ab…mir kommt es vor wie eine riesige Hürde und ich bin froh, dass mein Kind mir sagt, ich solle mich nach hinten lehnen, damit ich ein Gegengewicht darstelle….in der Wüste selbst bin ich weniger nervös. Ich bilde mir ein, dass es weniger schmerzt, wenn ich hier vom Pferd falle…was gottseidank, nicht passiert. Zwischendurch probiere ich – wenn auch nur wenige Sekunden – selbst zu galoppieren..aber ich habe einfach Angst…..mein Kind hingegen reitet wie der Wind…die Mähne ihres Schimmels fliegt….ihre Mähne fliegt…sie ist glücklich und irgendwann nur noch ein kleiner Punkt….Ich komme mir vor, wie die, die mit einem Esel am Ende der Karawane hinterhertrottet. 

Der Guide, der mir zugeteilt wurde, tut mir echt leid, wie er da so neben mir herschleichen muss….Die anderen haben irgendwann das Meer erreicht und gehen mit ihren Pferden hinein….ich beäuge das Rudel freilebender wilder Hunde und beschließe lieber schonmal den Rückweg anzutreten. Es dauert auch nicht lange, da haben mich natürlich alle wieder eingeholt und es geht wieder zurück. Ob ich Farida die Schenkel in die Flanken haue oder nicht, interessiert sie indessen wenig…wenn mein Guide schnalzt hoppelt sie los und ich versuche meine Panik nicht sichtbar werden zu lassen. Auf dem Rückweg werde ich dann auch von Abdo (der im übrigen nur mit Flipflops auf seiner wunderschönen Stute Shakira reitet) gefragt, ob mir der Ausflug nicht gefallen hat. Es fällt sowohl ihm als auch dem anderen Guide schwer zu verstehen, dass mit mir alles in Ordnung ist, dass ich einfach froh bin, nicht gefallen zu sein (bis jetzt). 

Auf der Rückweg nehmen wir einen anderen Weg, zum Stall wäre es zu weit, die Sonne steht schon tiefer, die Jungs haben Durst, denn es ist Ramadan und erst ab halb 7 dürfen sie wieder essen und trinken .  Allerdings führt der Weg immer noch an der Hauptstrasse entlang, wir reiten quasi im Gegenverkehr und ich sehe vor meinem Auge schon mein Pferd endgültig durchdrehen und in die Autos preschen… Alle Autofahrer, und es sind gottlob sehr wenige auf diesem Stück, hupen, wenn sie uns sehen. Das machen sie stets und ständig alle dort. Ich bin mehr als froh, dass die Pferde niemals die Contenance verlieren.. Kurz vor Erreichen des Nachbarhotels, bei dem auch ein Stall ist, hat mein Guide es endgültig eilig und er nimmt mir die Zügel ab um Farida zu lenken und galoppiert los……
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Am Stall angekommen bleibt noch die letzte Hürde: Wie steige ich wieder ab? Ich rutsche, wie üblich - unelegant, an einer Seite herunter und verharre mit gekrümmten Beinen in einer John-Wayne ähnlichen Stellung…unfähig mich gerade hinzustellen. Ich starre entsetzt auf meine Beine und muss lachen… die ersten Schritte auf festem Boden waren wirklich seltsam…..und der Muskelkater in den nächsten Tagen erinnerte mich auch nachdrücklich an dieses Erlebnis….

Ich bin im Übrigen die Einzige, die kein stolzes Foto von sich hat machen lassen…auf einem Bild ist mein schlapper Körper im Hintergrund zu sehen….ich fand, das reichte auch…
Als wir wieder zu unserem Zimmer gingen , hatte ich ganz kurz eine Idee als ich den Reitplatz sah..warum hab ich Tölpel nicht einfach vorher mal eine Reitstunde genommen? Wahrscheinlich hätte ich dann nicht die halbe Gegend zusammen gequiekt……
Mal sehen, welche tolle Eingebung ich nächstes Jahr habe…..vielleicht Reiten auf Oscar…das muss ja noch schlimmer sein, wenn man so weit oben sitzt und das Ding losgaloppelt…..

Donnerstag, 27. April 2017

Let's start again

Von blöden Malaisen einigermaßen demoralisiert, erinnerte ich mich in letzter Sekunde an diesen Ort gibt, an dem ich alles vergesse, was mir auf den Zeiger geht. 

Serientermin vereinbart. Reiten oder Bodenarbeit? Letzteres. Der Rücken.

Außerdem hatte ich einen Gutschein von Krämer eingelöst und fuhr mit neuen Handschuhen und dem Profi-Leckerli-Beutel los. 

Das Pferd ist ja ohnehin von der sanften Sorte, heute spürte es noch genauer als sonst, dass es bei einem Tölpel wie mir immer noch am schnellsten geht, wenn es ganz ruhig stehen bleibt, während ich an ihm herumdilettiere; will sagen: eigentlich hat es sich das Arbeitshalfter samt Kopperriemen praktisch selbst angezogen. 

Das ist auch besser so, denn das Gebiss anzulegen, ist eine gefährliche Sache für das Tier, jedenfalls wenn ich beteiligt bin. Ich hab immer Schiss, dass ich ihm das rechte Auge demoliere, während ich links von ihm stehend versuche, das Ding über seinen Kopf zu ziehen. Aber es beugte seinen Kopf so tief, dass selbst ich die Prozedur unfallfrei über die Bühne brachte. 

Auf dem Paddock, auf dem uns erlaubt ist, Bodenarbeit zu machen, traf ich meine Reitlehrerin, die mich erstmal ganz allein machen ließ. 

Nun ist das Pferd ein faules Pferd und mit mir an der Seite hält es Mittagsschlaf. Während ich mich meiner Meinung nach schon unheimlich dominant gebare, sieht das die Trainerin naturgemäß ganz anders, worin sie sich mit dem Pferd einig ist. 

Also versuche ich in meine Stimme etwas zu legen, das keinen Widerspruch duldet. Für alle anderen flöte ich das Pferd jedoch nur an, also gehe ich nicht auf Höhe der Mitte des Halses, sondern meist vor ihm, was auch wieder nicht erlaubt ist. Man gibt mir eine Gerte, damit geht's besser. 

Dann das alte Spiel, im Slalom um die Hütchen, Volten, stehenbleiben... und dann: antraben! Hä? Antraben? Ich soll laufen neben dem Pferd? Ich, die es geschafft hat, meine nicht vorhandene Kondition aus dem letzten Jahr auf einen noch tieferen Tiefpunkt downzugraden? 

Ich lief los, ach was schreib ich denn da, ich hoppelte los und das Pferd schlurfte mit, durch den tiefen Sand, mein Herz bollerte wie sonst nur mitten in der Nacht, ichkahannnichmeher, ein Mehlsack versucht 600 Kilo zum laufen zu bringen, das Pferd hat sich totgelacht und wird heute Nacht im Stall die anderen zum lachen bringen, so kriegt es doch nie Respekt vor mir!

Meine behende und leichtfüßige Trainerin machte vor, wie es geht. Wie ein verdammtes junges Fohlen rannte sie los, sogar zum galoppieren brachte sie den Trumm. Kein Wunder, sie hat Spannung (und nicht Anspannung, wie ich) und eine natürliche Dominanz, das Pferd wusste gleich, dass die guten Zeiten jetzt vorbei sind. Kein Widerwort.

Als sie mir den Führstrick zurück gab, war das Pferd in Schwung und rannte auch mit mir los, ich hechelte hinterher. Eine dumme Sache. Das Herz schlug mir bis zum Hals und mir war klar, dass ich mein Leben nun doch werde frühzeitig beenden müssen; hier auf dem Platz würde mich der Schlag treffen und alles nur, weil ich lauter falsche Lebensentscheidungen getroffen habe, wie zum Beispiel nach drei Wochen nichtrauchens im letzten Oktober idiotischerweise doch wieder angefangen zu haben und darüberhinaus den Winter nicht genutzt zu haben, die 10 Kilo abzunehmen, die ich traditionell immer abnehmen will, sondern ganz im Gegenteil noch fünf Kilo draufgepackt habe, weil alles so blöde ist wegen dieser bescheuerten Umstrukturierung, überhaupt, diese Umstrukturierung, die mein Leben zur Hölle gemacht hat, weshalb ich gezwungen war, sehr viel Schokolade zu essen. Verdammt und jetzt renne ich hier neben einem Pferd, heim in die ewigen Jagdgründe, es ist doch zu schade um mich. 

Hinterher meinte die Trainerin, dass sie begeistert ist, dass ich überhaupt keine Angst hatte, neben einem trabenden Pferd zu laufen (sie war überzeugt, dass ich mir in die Hose machen werde) und dass ich gar nichts vergessen habe und dass alles sehr harmonisch ausgesehen habe. 

Ha! Ich wusste es: ich bin ein Ausnahmetalent.

Sonntag, 2. April 2017

Mal wieder im Stall

Nicht um zu reiten, das ist ein Ding der Unmöglichkeit, außer man würde mich mit Treppenlifter auf's Pferd und wieder runter bugsieren. Allein der Gedanke, ich müsste auf's Pferd steigen und später ja auch irgendwie wieder runterkommen (schon ohne Rücken eine eher peinliche Tortur für Mensch und Tier, wegen meiner fehlenden Eleganz), verursacht Symptome einer Querschnittslähmung. 

Nein, ich fuhr die Tochter meiner Freundin von gegenüber in den Stall, eine mitten in der Pubertät steckende und daher eisern schweigende Masse Hormone. Allein, wenn man sich ihr in Begleitung eines Tieres nähert (beispielsweise dem Leihhund), löst das ihre Zunge. Ich freu mich dann immer, mal wieder ihre Stimme zu hören, denn sie kommuniziert seit geraumer Zeit nur per Schulterzucken. 

Aber ich will nicht undankbar sein, die ersten 12 Jahre mit ihr waren himmlisch. Ein wiedergeborenes Schneewittchen, das niemals Wimperntusche und Lippenstift benötigen wird, immer ein Lachen im Gesicht. Nun also ohne den allergeringsten Anflug eines Lächelns, schlurft sie über die Straße und lässt sich ins Auto fallen. Jetzt ein Gespräch zu beginnen, ist völlig zwecklos; ich habe kein Tier dabei, also lasse ich es gleich bleiben. 

Im Stall angekommen, besuche ich mein Leih-Pferd auf der Weide. Man könnte sagen, es erkennt mich, aber ich meine Angstschweiß bei dem Tier zu erkennen und in ihren Augen lese ich "Du meine Güte, jetzt kommt die wieder!" 

Ich schleime mich mit Mohrrüben ein; leider wird sie von den anderen Pferden weggedrängt. Ich untergrabe das Mobbing und stärke ihre Position, indem ich allein sie füttere, in aller Öffentlichkeit. Das wird den anderen Stuten eine Lehre sein. So geht Change Management!

Später gehe ich zurück auf den Hof, setze mich auf die Terasse der Spelunke und genieße die Sonne und die Geräusche. Hufgeklapper wäre zum einschlafen noch besser als eine Glotze, aber ich werde wohl niemanden finden, der um Mitternacht vor meinem Fenster sein Pferd spazieren führt. 

Ich komme ins träumen, wie es wäre, ein eigenes Pferd zu haben. Eins, dem man galoppieren weggezüchtet hätte, traben nur ganz langsam und das am glücklichsten wäre, mich tagein, tagaus im Schritt, meinetwegen Arbeitstempo, durch die Landschaft zu tragen. Die Tochter von nebenan könnte drauf reiten, so oft sie will, damit es ausgelastet wäre. Als ich ihr davon erzähle, meint sie, das würde sie nicht machen, denn ein Kaltblut sei überhaupt kein Pferd, sie brauche was mit Pfeffer. Undankbares Gör!

Am Nebentisch wird gefachsimpelt, ein Mädchen erzählt, dass sie gleich zu einer Freundin reitet, um bei der im Garten Kaffee zu trinken, die wohne nur drei Kilometer entfernt und ich würde töten für die Gelegenheit, meine Freunde oder sonst jemanden mit dem Pferd zu besuchen. Die hat das perfekte Leben, denke ich gerade, da ändert sie das Thema. 

Ihr schwuler Bruder habe sich neulich den Eltern geoutet und wollte sich aufgrund der Reaktion der Mutter gegen den Baum fahren, aber sie habe ihn daran hindern können, das Haus zu verlassen. Inzwischen sei aber alles wieder in Butter, die Mutter hat sich entschuldigt und der Vater sei informiert, dass die "Phase" schon fünf Jahre dauert. Es gäbe in der ganzen Angelegenheit überhaupt nur ein Problem: sie und ihr Bruder haben denselben Männergeschmack. 

Dann folgt eine Begebenheit aus einer Schwulenbar, wo sie sich sehr wohl gefühlt hat, weil sie nicht "mit dem Arsch an der Wand lang musste" und zudem die "Nadel im Heuhaufen" gefunden habe, denn sie ist mit einem Date nach Hause, der Bruder ging leer aus. Allein das Hufgetrappel und Geschnaube der Pferde hält mich so in der Balance, dass ich nicht anfange zu schreien.

Später kommt die Besitzerin meines Leih-Pferdes, ich freu mich sehr, sie zu sehen. Sie holt das Pferd von der Weide und wir stehen eine Weile zusammen, reden, das Pferd hört zu.

Der perfekte Sonntag.

Montag, 28. November 2016

Plan B

First of all: meine Reitlehrerin ist eine Wucht. Sie hat mir unglaublich viel beigebracht. Noch längst kann ich nicht reiten, aber weshalb ein Pferd reagiert, wie es reagiert, da könnte ich schon Bücher drüber schreiben. Leider ist das Wissen wie weggeblasen, sobald ich oben drauf sitze. Das erträgt sie nun schon 8 Monate mit Engelsgeduld und bescheinigt mir dennoch "ein Händchen". Ich frag mich nur, wofür.

Und ich bin auch nicht im 'falschen Stall'. Die Besitzerin erlaubt mir, auf ihrem Pferd zu lernen, was kein normaler Mensch gestattet. Anfänger wie ich werden auf abgestumpfte Schulpferde gesetzt, denen alles egal ist. Sie lässt zu, dass ich ihr Pferd irritiere, die falschen Hilfen gebe; das ist wie einen Menschen in einen Formel 1 Wagen zu setzen, obwohl er nur Bobby Car fahren kann.

Ich überzeichne grundsätzlich, damit das hier überhaupt jemand lesen will. Beim letzten Post allerdings habe ich, was mein Innenleben betrifft, kein bisschen übertrieben. Das blieb auch der Reitlehrerin nicht verborgen. Also saßen wir neulich zusammen und berieten, wie mir armen Socke zu helfen sei. 

Ich: Wenn es dunkel ist, will ich nicht aufs Pferd, es erschreckt sich dann noch leichter als sonst.
Sie: Es war nur guckig (gesprochen: guckich), nicht schreckhafter als sonst.

Ich: Ich könnte den Winter über nur Bodenarbeit machen.
Sie: Im Sommer ist dir dann wieder zu warm, du wirst immer Gründe finden. Es lernt sich auch so schlecht traben, wenn du nur Bodenarbeit machst. 

Ich: Aber es war so schnell, viel schneller als sonst. 
Sie: Im Roundpen weiß es, dass es bewegt wird, also Tempo machen soll.

Habe ich mir also nicht eingebildet.

Ich: Und dann dieses Kopfschlagen, ich denke immer, es geht jetzt durch.
Sie. Gut, machen wir Ausbinder dran, dann ist das antraben sanfter. 

Einlassung der Besitzerin: "Die Reitbeteiligung nimmt auch immer Ausbinder."
Hör ich zum ersten Mal. Ich bin eine Heldin!

Ich: Wird es dann noch schneller?
Sie: Nein, langsamer.

Ich: Aber es ist letzte Woche wirklich gesprungen.
Sie: Stimmt, es hat einen kleinen Sprung gemacht.

Ich wusste es!

Ich: Nächste Woche habe ich aber keine Zeit.
Sie: Und ich übernächste Woche nicht.

Ich: Aber ab dem 19. habe ich Urlaub, dann könnte ich tagsüber, wenn es hell ist.
Sie: Ich auch, aber ich verreise.

Vertagt auf 2017. Puuuhh.

Donnerstag, 24. November 2016

Von wegen Winterpause

"Winterpause? Wie kommst du denn da drauf?" fragt die Reitlehrerin. Es gibt einen beleuchteten, überdachten Roundpen, da kann man den ganzen Winter über reiten.

Ja, aber die ganzen Gefahren hat sie wieder nicht im Auge. Dass es nämlich draußen dunkel ist und dass es knackt und windig ist und dass sich das Pferd dann erst recht erschreckt, weil es nicht sieht, woher die Gefahr kommt und dann kann es nicht ausreichend flüchten und ich fall runter und hau mir an der Bande den Kopf ein und kann meine Beine nicht mehr bewegen, das ist erst vor zwei Wochen einem Mädchen passiert, genau hier.

Das sage ich natürlich nicht, aber sie kann meine Gedanken lesen und rollt mit den Augen.

Eigentlich hielt ich mich schon für eine gewiefte Reiterin, mehrmals habe ich das Pferd, ein unerschütterliches Kaltblut mit wenig Bewegungsdrang, mehrmals schon habe ich es zum traben gebracht, ganz allein. Ich machte mir keine allzu großen Sorgen, als sie sagte, im Roundpen würde sie mich an die Longe nehmen, damit ich endlich traben lerne. Ich müsse mich dann nicht ums treiben kümmern, sondern nur ums oben bleiben. 

Ich war ein bisschen beleidigt, denn ich habe ja wohl in den vergangenen Monaten bewiesen, dass ich oben bleibe. 

Na ja. 

Ich bin halt noch nie im Sattel getrabt, wenn sie in der Mitte steht und die Gerte in Richtung Pferdepo hebt. Das Pferd hat plötzlich Schub. Und ich keine Körperspannung. Ich war mir ganz sicher, dass es galoppiert, so schnell war es. Angeblich war es aber nur Arbeitstrab. Sofort rutschte ich aus den Steigbügeln, krallte mich in den Sattel und rief ängstlich "Aufhören, aufhören, anhalten, bitte anhalten!" wie ein grenzdebiler Kartoffelsack. Alles, was ich gelernt hatte, war wie weggeblasen, ich war des Todes.

Ich keuchte, als sie das Pferd endlich anhielt. "Du hast wirklich überhaupt keine Kondition!" schimpfte sie. Kondition, Kondition, jeder atmet schwer, wenn er Panik hat. Das ist eine Voraussetzung für Panik, ganz schlimmes Atmen. Okay, Kondition habe ich auch nicht, aber das tut hier wirklich nichts zur Sache.

"Und gleich noch mal, stell dich tief in die Steigbügel, lehn dich nach hinten, mach dich schwer, sitz es erst mal aus und auf der rechten Vorderhand kommst du dann ins leichttraben. Und mach nicht den Fehler und fall nach vorn."

Und wieder hob sie die Gerte, das Pferd holte sich (wie immer) den nötigen Schwung mit wildem Kopfschlagen und von null auf hundert hetzte es im Kreis. Meine Organe sortierten sich neu, mein Hirn setzte aus, Panik lässt sich also noch steigern. Ich rief "Anhalten!" An leichtraben war nicht zu denken. 

Die Besitzerin kam nun auch in das Roundpen, um die Perdeäppel aufzusammeln, weil Perde immer nach den ersten Schritten äppeln, Bewegung ist halt gut für den Darm. Da bückte sie sich mitten im Weg und ich war schon wieder mit einem Affenzahn unterwegs. Da das Pferd eine engere Beziehung zu seiner Besitzerin als zu mir hat und irgendwie begriff, dass diese Gefahr lief, von der Longe umgerissen zu werden, machte es einen großen Satz nach oben und nach vorn und brachte sie damit aus der Gefahrenzone. Im Grunde vorbildlich.

Ich schrie "Aaaaanhalten, aaaanhalten!", aber die Trainerin hatte die Faxen dicke mit mir und hielt das Pferd nicht an. Mir kamen die Tränen, ich wimmerte "Bitte, bitte, bitte anhalten." 

"Was ist denn los mit dir?"
"Na, es ist doch eben gesprungen und angaloppiert, ich kann das nicht."
"Gesprungen und angaloppiert? So ein Quatsch, es hat nur eine Ausweichbewegung gemacht."
"Wohl ist es gesprungen. Ich will runter. Es reicht für heute."
"Nix da. Du steigst jetzt wieder in die Bügel, bleibst tief sitzen, die Beine fest an den Sattel, aber nicht quetschen, nur fest an den Sattel, hier die Adduktoren im Oberschenkel, die müssen die Arbeit machen, und dann versuch den Rücken anzuspannen, dann kannst du das besser austarieren."

Hallo? Ich habe Adduktoren? Hätte man mir das nicht früher sagen können? Nach all der Zeit werden die gebraucht, sehr dringend sogar, aber das kommt natürlich alles ein bisschen plötzlich.

Sie quälte motivierte mich weiter, "Gib nicht so schnell auf!" und hielt das Pferd einfach nicht an, wenn ich es wollte, einmal sogar zwei Runden lang nicht, ich verlor mein Grundvertrauen, mit dem ich ohnehin nicht üppig ausgestattet bin, das war zuviel für mich und meine Adduktoren. Mein Herz klopfte wie wild, aber ich sah nicht etwa ein weißes Licht, das mich hätte beruhigen können, wie man immer wieder hört; eine gottverdammte Nahtoderfahrung ohne weißes Licht,wer braucht denn sowas?

Ich also immer weiter im angeblich "gemütlichen" Trab und zwar solange, bis ich den Hauch eines Erfolgserlebnisses hatte, was aber nur ein Trick von mir war: eine Runde ohne dieses alberne "Aufhören" zu rufen. Ich hatte nämlich rausgefunden, dass ich so keinen Schritt weiterkomme mit ihr. Ich biss die Zähne zusammen und verkniff mir jeden Laut. Ich geb's nicht gerne zu, aber als ich meine Hysterie tief in meinem Herzen verschloss, ging's tatsächlich besser. 

"So, das machen wir jetzt den ganzen Winter und im Frühling trabst du perfekt." Ich sah auf sie runter und war gottfroh, dass es endlich vorbei war. Da machte es auf einmal draußen ein Geräusch, irgendein Tor fiel zu und das Pferd zuckte am ganzen Körper zusammen, naja, wahrscheinlich war es nur wieder eine Ausweichbewegung. 

Sie weiß noch nicht, dass ich nie wieder komme.

Die Erlkönigin

Die Chefin vom Reitstall hat ein ganz klares Menschenbild.
  1. Einen Lebensberechtigungsschein haben nur Leute, die Privatpferde in ihrem Stall stehen haben und selbst auf ihnen reiten. 
  2. Leute, die auf (sowieso inakzeptablen) Schulpferden reiten lernen, werden zähneknirschend toleriert, weil sie Geld bringen, aber richtige Menschen sind sie eigentlich nicht. 
  3. Leute, die Bodenarbeit machen, haben automatisch jedes Lebensrecht verwirkt. 
  4. Menschen wie ich, die aufgrund der Großzügigkeit einer *siehe 1* auf einem Privatpferd lernen dürfen, existieren praktisch nicht und die *siehe 1* läuft Gefahr, sich wegen ihrer bedenkenswert sozialromantischen Ader in Kategorie 2&3 zu katapultieren.

Das hat zur Folge, dass wir auf die guten Plätze oder in die Halle nur dürfen, wenn niemand in der Nähe ist. Also verschwinden wir auf irgendwelche Randplätze, die tagsüber Aufenthaltsorte für Pferde sind, weil die doch lieber in einer Herde an der frischen Luft ihre Freizeit verbringen anstatt blöde in der Box zu stehen. 

Diese Randplätze sind nicht beleuchtet und da beginnt in dieser Jahreszeit das Dilemma. Ich komme in der beginnenden Dämmerung an und versuche affenartig schnell, mit dem satteln zurande zu kommen, aber da sich meine Idee mit den Klettverschlüssen noch nicht durchgesetzt hat, dauert es Stunden und bis ich endlich im Sattel sitze, ist die halbe Nacht rum. 

Die Trainerin, die mir jede Stunde Neues abverlangt und vor allem die Dinge, vor denen mir am meisten graut, lässt mich allein bis zum Randplatz in Timbuktu reiten, geht nur neben mir her, während ich quasi meinen ersten Ausritt ins Gelände mache. Das hatte ich eigentlich erst in fünf Jahren vor. Beunruhigt nehme ich zur Kenntnis, dass eine Wildschweinrotte die gesamte Wiese vor dem Platz vertikutiert hat. Die sind also irgendwo in der Nähe.

Kaum bin ich auf dem Platz, verlässt mich die Trainerin und stellt sich draußen vor den Zaun. Ich mutterseelenallein mit dem 600 Kilo Brummer unter mir. Es ist 18.45 Uhr, jeder weiß, wie dunkel es dann schon ist. Tapfer reite ich Runde um Runde, Volte um Volte und ich bin tatsächlich tapfer, denn der Brummer ist gedanklich längst im Feierabend und zeigt das nicht eben subtil.

Selbst als er wirklich sauer wird und den Kopf wild nach unten und oben schlägt (normalerweise holt er sich so den nötigen Schwung fürs angaloppieren) und ich meine Mühe und Not habe, die Zügel in der Hand zu behalten, bleibe ich schön sitzen und versuche weiter, ihn zum traben zu bringen, aber nach fünf Schritten geht er wieder im Schritt. Nichts zu machen. Kein Wunder, nachtschwarz ist es inzwischen.

"Du willst es einfach nicht und das merkt er, deshalb macht er's auch nicht", tönt es aus der Dunkelheit über den Zaun rüber. Wohl will ich traben, aber ich seh nichts mehr, das Pferd sieht nichts mehr - das kann uns niemand vorwerfen. 

Auf dem Rückweg zum Stall greift die Trainerin nach den Zügeln und gibt mir Anweisungen für das, was jetzt eventuell passiert. Es sei nämlich dunkel und da sei ein Pferd schreckhaft und falls jetzt... soll ich einfach tief im Sattel sitzen bleiben. Hä?

"Du machst mir ja Mut!"
"Naja, er kann hier nichts mehr sehen auf dem Weg und falls irgendwas aus dem Busch kommt... ich will dich ja nur vorbereiten."

Hallo? Ich bin eben eine Stunde in völliger Finsternis allein auf dem Platz geritten, da konnte es sich nicht erschrecken?

Nächste Woche schnalle ich mir eine Grubenlampe um und um das Pferd drapiere ich eine Lichterkette.

Reiten vor Publikum

Wie ich gestern vorausgesagt habe, ist es weiterhin warm, in der Mittagspause saß ich schon wieder in der Sonne beim Italiener; wegen dieser Carpe-Diem-Sache habe ich massig Minusstunden angehäuft.

Ich traf mich mit einem Kollegen, der ein Pferd hat. Seine Frau ist Dressurreiterin - sie wurden von Freunden verkuppelt. Diese Ehe stelle ich mir außerordentlich glücklich vor. Mein gesamter Freundeskreis kennt keinen einzigen Dressurreiter, daher muss sich unsereiner weiterhin an den Reiterhofbesitzer ranwanzen. 

Inzwischen sitze ich Ausnahmetalent im Sattel. Nach nur vier Monaten, in denen ich nur neben dem Perd hergelatscht bin oder es animiert habe, über blaue knisternde Planen zu laufen, wenn möglich rückwärts, und den folgenden Wochen, in denen ich mich mit Haltegriff und ohne Sattel abgemüht habe, bin ich jetzt in der Profi Liga.

Aber das hat auch Nachteile, denn leider bringt mir niemand den Sattel zum Pferd. Ganz schön schwer und so unhandlich dazu. Es gibt so Sattel-Rollatoren, ich werde mir zu Weihnachten einen wünschen.

Noch unangenehmer als das Geschleppe durch den Stall, vorbei an mitten im Weg stehenden anderen Pferden, ist es, den Trumm auf's Pferd zu hieven und den Gurt anzubringen. Dazu muss man sich unter dem Pferdebauch bücken und den Gurt von der anderen Seite zu sich rüberziehen. Ich befürchte, dass das Pferd just tritt und mich derart demoliert, dass ich ein neues Gesicht operiert bekommen muss. 


Letzte Woche brachte ich meinen Fanclub mit, inkl. Hund. Der Hund war der einzige, der mich nicht aus den Augen ließ. Der treue Kamerad. Die anderen hatten gute Gespräche und riefen ab und an "Jetzt aber mal Galopp", wahrscheinlich, damit ich mich nicht ausgeschlossen fühle. Ich ritt unverdrossen in den Sonnenuntergang, immer im Kreis.